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Arbeit und Ergebnisse des Arbeitskreis "Arbeit, Alter und Wohlbefinden"

Alters- und alternsgerechte Arbeitsplatzgestaltung im Arbeitskreis „Arbeit, Alter und Wohlbefinden“
Als eine besondere Maßnahme in der Bäckerei kann die Gründung des Arbeitskreises „Arbeit, Alter und Wohlbefinden“ (AK AAW) im Rahmen des ABI-NRW-Projektes gelten. Aufgabe des AK AAW ist es, die an den Arbeitsplätzen gegebenen Belastun-gen und Beanspruchungen zu erfassen, zu analysieren und darauf basierend Maß-nahmen der Entlastung für die Beschäftigten vorzuschlagen. So sollen Vorschläge und Empfehlungen für die Geschäftsführung erarbeitet werden, wie die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen sukzessive alters- und alternsgerecht zu gestalten sind, so dass die Beschäftigten - so lange wie möglich, so gesund wie möglich -in der Bäckerei arbeiten können. Konkret gefragt wird im AK AAW, ob die Beschäftigten auch noch in zehn oder fünfzehn Jahren an ihren Arbeitsplätzen unter gleichem Belastungsniveau arbeiten können. Wenn hier von Seiten der Teilnehmenden oder des Projektteams Skepsis und Zweifel bestehen, ist zu diskutieren, welche Maßnahmen (hinsichtlich Arbeitszeit, Arbeitsumgebung, Ergonomie, Arbeitsorganisation) in der Arbeitsumwelt ergriffen werden können, dass auch und insbesondere ältere Beschäftigte weiterhin in der Lage sind, ihre Arbeitsaufgaben sicher und gesund zu verrichten.
Im erweiterten Steuerkreis, dem Koordinations- und Leitungsgremium des Projektes, wurde von Seiten des ABI-NRW-Teams der Geschäftsführung die Gründung des Arbeitskreises vorgeschlagen und mit Zustimmung der Geschäftsführung ins Leben gerufen wurde.


Zusammensetzung
In dem AK AAW haben acht Beschäftigte aus der Bäckerei aus zwei Altergruppen mitgewirkt: vier Beschäftigte über 40 Jahren und vier Beschäftigte unter 40 Jahren. Denn es sollten sowohl ältere als auch jüngere Beschäftigte ihre altersspezifisch (mit)-bestimmten Auffassungen und Erfahrungen zu den einzelnen Arbeitsplätzen in den Arbeitskreis einbringen und austauschen. Die subjektive Wahrnehmung und das persönliche Erleben der Arbeitsbelastung und der individuelle Umgang mit ihr in Abhängigkeit vom Alter wurden der jeweils anderen Gruppe zugänglich gemacht und vermittelt. Dies geschah in einem von Respekt und Achtung geprägten Rahmen, der die Basis für gegenseitige Lernprozesse schaffte. Zudem waren die Teilnehmenden im Arbeitskreis in unterschiedlichen Arbeitsbereichen in der Bäckerei (Teigmacherei, Fritsch, Konditorei, Expedition, Reinigung etc.) tätig und brachten ihre dort erworbenen Expertenkenntnisse über die gegebenen Arbeitsbedingungen in den Arbeitskreis mit ein.
Neben den Beschäftigten war der Betriebsleiter Herr Krause aktiv teilnehmendes Mitglied am Arbeitskreis. Ihr fachliches Know-How brachten seitens der außerbetrieblichen Akteure und Instanzen für Sicherheit und Gesundheit die Arbeitsmedizinerin Frau Dr. Stichert und Herr Real von der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten in den Arbeitskreis mit ein. Der Arbeitskreis wurde geleitet von Herrn Dr. Tempel und begleitet von Herrn Koch.


Dialog
Im AK AAW wurde, wie eben kurz skizziert, ein Forum für den Austausch zwischen den Beschäftigten der unterschiedlichen Altersgruppen geschaffen. Ebenso ermöglichte der Arbeitskreis ein Forum des Austauschs zwischen den Fach-Experten und den Beschäftigten (als Experten in eigener Sache), was für beide Seiten sich als nutzbringende Konstellation erwies. Die Herausarbeitung objektiver Gegebenheiten anhand wissenschaftlicher Methoden wurde fruchtbar kombiniert und relativiert durch die subjektiven Erfahrungen der teilnehmenden Beschäftigten. Während die Beschäftigten Einblick in das objektive Belastungsprofil bei der Ausübung ihrer Arbeit und in der Regel damit verbundenen gesundheitlichen Konsequenzen erhielten, gewannen die Fach-Experten Einblick in das subjektive Empfinden der Beschäftigten bei Bewältigung ihrer Arbeitsaufgaben. Durch dieses methodische Vorgehen konnten im Ar-beitskreis Fehldeutungen der Fach-Experten durch das korrigierende Einschreiten der Beschäftigten vermieden werden, wie auch umgekehrt.
Es wird ersichtlich, dass, getreu dem Prinzip „Beteiligung der Beschäftigten“, die Beschäftigten gefragte Gesprächspartner waren und auch ihre Ansichten und Interessen gegenüber dem Betriebsleiter, Herrn Krause, vertreten konnten. Das geschah natürlich zunächst abwartend-zurückhaltend, im weiteren Verlauf dann aufgeschlossen und engagiert.


Vorgehen
Der AK AAW kam in der zweiten Projekthälfte fünfmal zusammen. In der ersten Arbeitskreissitzung haben sich die Mitglieder gegenseitig vorgestellt und kennen gelernt. Zudem wurde die Aufgabenstellung des AK den Beschäftigten vermittelt, Arbeitsbegriffe und -methoden geklärt. Die Teilnehmenden haben in den anschließenden beiden Sitzungen die Arbeitsplätze in der Bäckerei zum einen in der Tagschicht und zum anderen in der Nachtschicht besichtigt. Der Arbeitskreis hat sich bei den Besichtigungen direkt an den Arbeitsplätzen informiert und kundig gemacht, an denen die Beschäftigten arbeiten. Das dabei aufgezeichnete Filmmaterial wurde in der vierten Steuerkreissitzung präsentiert und in konstruktiver Zusammenarbeit mit den Teilnehmenden zielgerichtet ausgewertet. Insbesondere diese Videodokumentation zu den Arbeitsplätzen intensivierte und bereicherte den Dialog über die gegebenen betrieblichen Arbeitsbedingungen und zu erschließende Ressourcen der Entlastung immens.
In der fünften und bis dato letzten Sitzung hat Herr Dr. Tempel in Zusammenarbeit mit Herrn Real die Ergebnisse der Betriebsstudie präsentiert. In dieser Betriebsstudie hatten Herr Dr. Tempel und Herr Real während einer Nachtschicht einen Beschäftigten aus der Bäckerei permanent begleitet, beobachtet und gefilmt. Phasen großer Belastungen und Phasen geringerer Anspannung wurden hinsichtlich der Dauer, des Lastgewichts, Körperhaltung und Ausführungsbedingungen exakt ermittelt und berechnet, um ein präzises Belastungsbild über einen vollständigen Arbeitstag hinweg für den Beschäftigten zu erstellen. Die Auswertung der Ergebnisse unter Anwendung der Leitmerkmalmethode zur Beurteilung von Lastenhandhabungen wurde dann im Plenum im Dialog mit den Anwesenden vorgenommen. Die gefilmten Arbeitstätigkeiten wurden analysiert und geprüft, ob und inwiefern sie den Anforderungen einer alters- und alternsgerechte Arbeitsplatzgestaltung entsprechen und welche Empfehlungen man aussprechen sollte.


Exemplarische Zusammenstellung der Ergebnisse
Die Empfehlungen an die Geschäftsführung umfassen u.a. folgende Punkte. Geraten wurde zu einer systematischen Erfassung aller Arbeitsplätze hinsichtlich der Belastungen durch Heben und Tragen durch die Leitmerkmalmethode (siehe „Ratgeber zur Ermittlung gefährdungsbezogener Maßnahmen im Betrieb“ der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin). Die Zusammenstellung der Ergebnisse in Form eines Belastungskatasters, das Auskunft über physisch erheblich belastende und weniger belastende Arbeitsplätze gibt, verdeutlicht den Akteuren im Betrieb, welche konkret gegebenen Belastungen im Laufe eines Arbeitstages ein Beschäftigter zu bewältigen hat. Auf Grundlage des Belastungskatasters kann der Arbeitseinsatz der Beschäftigten systematisch geplant werden, so dass physisch stark belastende mit weniger belastenden Tätigkeiten wechseln. Die Aufstellung ist also die Basis für arbeitsorganisatorische Maßnahmen der Rotation der Beschäftigten zur Ermöglichung eines Lastenwechsels. Monotone, repetitive Arbeitsabläufe und physisch stark belastende Bewegungen werden reduziert, abwechslungsreiche Arbeitsvollzüge und die Erleichterung der körperlichen Arbeit ermöglicht. Dies dient unmittelbar dem Erhalt und Förderung der Arbeitsfähigkeit der älteren Beschäftigten. Diese Maßnahmen kommen sowohl den jüngeren als auch den älteren Beschäftigten zugute, wobei für die jüngeren Beschäftigten die Maßnahmen eine präventive Wirkung zeigen, und bei den älteren eine unmittelbar therapeutische.

Der variable Einsatz der Beschäftigten hat zur Voraussetzung, dass Maßnahmen zur Qualifizierung der Beschäftigten zum Allrounder, der die Arbeit an verschiedenen Arbeitsplätzen mit unterschiedlichem Belastungsniveau verrichten kann, vorgenommen werden. Der Geschäftsführung wird empfohlen, die Beschäftigten in einer Informationsveranstaltung mit dem Thema Qualifizierung zum Allrounder vertraut zu machen. Bei Interesse ist eine Schnupperphase anzuregen mit anschließender Erfragung der Meinung der Betroffenen.

Überstunden verlängern die Belastungsphasen der Beschäftigten, so dass empfohlen wird, die Arbeitszeit derart abzustimmen, dass ein für Erhalt der Leistungsfähigkeit und Gesundheit notwendiges Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung bei der Planung des Arbeitseinsatzes zu berücksichtigen ist. Dabei ist zu beachten, dass die momentan noch relativ junge Belegschaft die geleisteten Überstunden derzeit noch relativ gut „wegsteckt“. Problematischer sind Überstunden für ältere Beschäftigte, die aufgrund erhöhter Regenerationszeiten die zusätzliche körperliche Belastung durch Überstunden in der Regel nicht mehr kompensieren können.
Mini-Pausen und kurze Entlastungen im unmittelbaren Arbeitsablauf sind umso wichtiger, je höher die am Arbeitsplatz gegebene Arbeitsbelastung ist. Eine besonders positive, erholsame Auswirkung haben die Mini-Pausen für die älteren Beschäftigten. Oftmals verlernen die Beschäftigten im Arbeitsleben das Pausemachen. Hier wird, falls notwenig, eine Schulung empfohlen, um ein Verständnis für die Wirksamkeit von Pausen zu vermitteln.
Im Betrieb sollte eine Liste ausgelegt werden, in die sich diejenigen eintragen können, die von der Nachtschicht in die Tagschicht wechseln möchten. Denn mit steigendem Lebensalter können die vielfältigen physischen, psychischen und sozialen Belastungen, die Nachtarbeit mit sich bringt, in der Regel nicht mehr ausreichend kompensiert werden.
Insbesondere bei Nachtarbeit wird eine bestimmte Beleuchtungsstärke empfohlen (mindestens 300 Lux). Positive Auswirkungen hat die Erhöhung der Beleuchtungsstärke auf die Konzentration und Leistungsfähigkeit der älteren Beschäftigten. Sie benötigen mehr Licht als jüngere Beschäftigte.


Erfolge
Die Arbeit des AK AAW wird auch nach Ablauf des offiziellen Teils des ABI-NRW-Projektes aufgrund der positiven Beurteilung vorliegender Denkanstöße und Resultate fortgesetzt. Dies zeigt, dass die Zusammenarbeit im AK AAW kooperativ und konstruktiv war und die Ergebnisse von der Geschäftsführung als wertvoll und richtungsweisend beurteilt werden.
Um einige Ergebnisse exemplarisch zu benennen: Die Teilnehmenden haben verstanden, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Belastung und Entlastung wesentlicher Bestandteil zu Erhalt, Förderung und Entwicklung der Arbeitsfähigkeit (älterer) Beschäftigter ist. Das betriebliche Umfeld erwächst nicht naturwüchsig und ist kein statisches Gebilde, in dem Veränderungen aufgrund eingeschliffener Strukturen unmöglich erscheinen, sondern es kann durch die Durchführung gezielter Maßnahmen – zum Wohl des Betriebes und der Beschäftigten – alters- und alternsgerecht gestaltet werden.
Im Betrieb wird in den nächsten Monaten ein Belastungskataster erstellt, das alle Arbeitsplätze umfasst und als Grundlage für entlastende Maßnahmen der Arbeitsorganisation (Rotation) und Arbeitserleichterungen (Reduzierung der zu befördernden Lasten, Abbau von einseitigen Belastungen) dient. Die Idee der Mini-Pausen ist bereits an einem physisch belastenden Arbeitsplatz mit in die weiteren Planungen aufgenommen worden. Die Beleuchtungsstärke wird im Betrieb erhöht, um die (Beinahe)-Unfallgefahr zu senken und die Arbeitsbedingungen in der Nachtschicht zu verbessern.
Weitere Anregungen, Ideen und Empfehlungen und darauf basierende zukünftige Maßnahmen sind im Betrieb schon als positiv bewertet worden, oder werden derzeit noch geprüft und, insoweit gewünscht, in weitere Handlungsschritte übertragen.


 
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